Die Zukunft von UC: Ehrgeizige Wetten und gewagte Experimente für 2026

18/12/2025
Ruairi O'Shaughnessy
Ruairi O’Shaughnessy, Field CTO, Unified Communications

Wir haben bereits eine Prognose für 2026 veröffentlicht, die CIOs und IT-Führungskräften einen Überblick gibt, was im Bereich Unified Communications tatsächlich zu erwarten ist. Dazu gehören Hybrid-Cloud-Modelle, eine wachsende Bedeutung von Interoperabilität zwischen Plattformen, stärkere Anforderungen an KI-Governance und die Rückkehr von Voice als strategischer Kanal.

Das war die realistische Sichtweise. In diesem Beitrag werden wir mutiger.

Es geht um ambitionierte UC-Prognosen für 2026, die vielleicht noch nicht den Mainstream erreichen, aber von Innovationsführern und Early Adopters getestet werden – in der Regel mit großen Budgets und einer hohen Risikotoleranz.

Dies ist unsere Grinch-Liste. Keine Prognosen für den Mainstream, sondern erste Signale, die es zu beobachten gilt, wenn Sie verstehen wollen, was die nächste Phase der Unternehmenskommunikation prägen könnte.

1. Private LLMs und SLMs für sichere Unternehmenskommunikation

Bereits bei Early Adopters im Einsatz, werden 2026 viel mehr Unternehmen private, feinabgestimmte Large Language Models (LLMs) in ihre UC- und Contact-Center-Umgebungen integrieren. Die wenigsten werden eigene Modelle von Grund auf neu entwickeln. Stattdessen greifen sie auf regulierte, souverän gehostete Modelle zurück, die ständig besser, erschwinglicher und einfacher einzubinden sind.

Besonders in datensensiblen Branchen und in Regionen wie der DACH-Region ist dieser Ansatz attraktiv.

Parallel dazu dürfte 2026 die Nutzung von Small Language Models (SLMs) deutlich zunehmen. Diese lassen sich mit kleineren, sorgfältig kuratierten Datensätzen leichter anpassen, bieten sehr geringe Latenzzeiten, planbare Betriebskosten und eine überschaubare Governance.

SLMs eignen sich ideal für Echtzeitanwendungen direkt auf dem Gerät, etwa für Meeting Insights oder kontextbezogene Automatisierung. LLMs bleiben dagegen das Mittel der Wahl für anspruchsvollere Aufgaben wie komplexe Schlussfolgerungen, Richtlinieninterpretationen oder das Orchestrieren von Wissen über verschiedene Collaboration Tools hinweg.

Realitätscheck: Unternehmen werden zunächst gehostete oder von Partnern feinjustierte Modelle nutzen, statt eigene Modelle zu trainieren. Herausforderungen bestehen vor allem bei Datenarchitektur und Governance-Reifegrad. Zunehmend werden LLMs und SLMs kombiniert, um kosteneffiziente und latenzarme Workloads abzudecken.

2. Agentic AI: Bots, die mit Bots zusammenarbeiten

Autonome Agenten, die Aufgaben selbstständig ausführen und sogar mit anderen Bots kommunizieren, markieren die nächste Stufe von Unternehmens-KI und Automatisierung. Oder wie ein Kollege es formulierte: „Bot-Produktivität auf Steroiden.“ Und das alles theoretisch ohne menschliches Eingreifen.

„KI-Orchestrierung“ wird 2026 zum zentralen Schlagwort. Gemeint ist die koordinierte Steuerung verschiedener KI-Modelle, Tools oder Agenten, sodass sie zuverlässig, effizient und in der richtigen Reihenfolge zusammenarbeiten.

Entwicklungswerkzeuge wie LangChain und OpenAgents erleichtern es bereits, KI-Assistenten zu bauen, die miteinander interagieren. Allerdings befinden sich Multi-Agenten-Ökosysteme auf Enterprise Niveau, die Live-Workflows in UC-Umgebungen zuverlässig und regelkonform abbilden können, noch in der Entwicklung.

Contact-Center-Plattformen (CC) entwickeln sich schneller als UC. Ihre Workflows sind bereits modular, automatisierungsfähig und weisen ein klareres ROI-Potenzial auf. Hier dürften Genesys und NICE eine Vorreiterrolle einnehmen.

Auch im UC-Umfeld greifen erste Hersteller die Multi-Agenten Ansätze auf. Microsoft, Cisco und Zoom bewegen sich hier am schnellsten. Ihre KI wird zunehmend in kleinere, spezialisierte Komponenten zerlegt, die im Hintergrund zusammenarbeiten. Während Contact-Center-Lösungen autonome Agenten-Workflows testen, wird UC eher mit der Multi-Agent-Meeting-Orchestrierung experimentieren. Ein Agent erfasst Aktionen, ein anderer identifiziert Entscheidungen, ein weiterer prüft die Übereinstimmung mit Richtlinien oder Ergebnissen früherer Besprechungen.

Realitätscheck: 2026 bleibt dieser Bereich überwiegend Forschung und Entwicklung. Es wird eng definierte Anwendungsfälle geben, aber keine breite Einführung. Fehlende Governance und mangelnde Überprüfbarkeit sind weiterhin zentrale Hürden im UC- Umfeld.

3. Emotionale Intelligenz in Kundenerfahrung und Meetings

Stell Sie sich vor, eine KI könnte Stress, Frustration oder andere Signale in Echtzeit aus Sprach- und Videoeingaben erkennen. Das würde nicht nur helfen, eskalierende Situationen früh abzufangen, sondern im besten Fall auch positive Kaufimpulse gezielt zu nutzen.

Im Contact-Center-Bereich sind die Anbieter hier bereits weiter. Sie entwickeln Verhaltensanalysen, die Coaching und Qualitätskontrolle automatisieren. Erste Erfolge im CX-Umfeld sind für UC wichtig, denn 2026 werden solche emotionssensitiven Modelle zunehmend auch in Meetings, Anrufen und Team-Kollaboration eingesetzt.

Gerade im UC-Umfeld, mit besonderem Fokus auf interne User, müssen ethische Standards und Fairness von Anfang an berücksichtigt werden.

Emotionssensitive KI wird sich je nach Branche unterschiedlich zeigen. Im UC-Kontext wird sie Führungskräfte unterstützen, das Wohlbefinden von Teams fördern, die Qualität der Zusammenarbeit verbessern und interne Entscheidungsprozesse begleiten.

Im Gesundheitswesen testen Anbieter bereits Echtzeit-Emotionserkennung im Bereich der psychischen Gesundheit und zur Einleitung klinischer Unterstützung.

Globale Unternehmen experimentieren damit, wie sich Stimmungsbilder in internationalen Hybrid-Meetings verändern, auch mit sprachlichen und kulturellen Pilotprojekten.

Realitätscheck: Im UC-Bereich wird diese Technologie zur Unterstützung eingesetzt, nicht für Entscheidungen. Sie erfordert kulturelle Sensibilität und Sicherheitsvorkehrungen, die den Menschen mit einbeziehen.

4. Edge-native UC: KI mit niedriger Latenz direkt am Endgerät

Dies ist ein interessantes Thema, und unserer Meinung nach könnte es 2026 in beide Richtungen gehen!

Während die KI-Fähigkeiten in UC-Plattformen weiter zunehmen, prüfen einige Unternehmen, ob bestimmte Aufgaben besser direkt an den Endgeräten oder am Rand des Netzwerks ausgeführt werden sollten statt in einer Public Cloud. Edge-Computing ermöglicht KI-Anwendungen mit sehr geringer Verzögerung, etwa für Echtzeit-Transkription oder für sichere, lokal ausgeführte Inferenz.

Viele Anbieter integrieren bereits neuronale Verarbeitungseinheiten (NPUs) in UC-Endpunkte für Transkription, persönliche Meeting Insights, und sogar Live-Sprachübersetzung wird getestet.

Auch wenn dies wahrscheinlich kein Mainstream-Trend werden wird, wird es sicherlich in Branchen wie Verteidigung, Fertigung oder Gesundheitswesen zu beobachten sein, wo Datenhaltung oder Bandbreitenbeschränkungen Innovationen vorantreiben.

Realitätscheck: UCaaS-Plattformen werden 2026 nicht flächendeckend auf Edge-Computing umstellen. Edge-native UC wird vor allem in privaten, kundenspezifischen UC-Architekturen Anwendung finden.

Gegenposition: Edge-native UC könnte sich schneller entwickeln, wenn sich die KI auf Geräteebene beschleunigt und der regulatorische Druck zunimmt. Das würde Anbieter dazu bewegen, lokale Inferenzoptionen anzubieten, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

🎄 UC Grinch Check: Prognosen mit längeren Adoptionszyklen

Einige Prognosen kommen jedes Jahr wieder, ähnlich wie Weihnachtspullover - auffällig, gewagt und nicht immer bürotauglich. Hier sind einige aktuelle Themen, die laut UC-Analysten noch ein Jahr (oder fünf) brauchen, bevor sie zum Mainstream werden.

1. Quantenresistente UC

Mit dem Fortschritt der Quantencomputing Technologien sind die Bedenken um Post-Quantum-Kryptografie (PQC) durchaus berechtigt. Angreifer könnten heute verschlüsselte Daten abgreifen und sie in fünf bis zehn Jahren mit Quantenwerkzeugen entschlüsseln.

Für UC ist das vor allem bei gespeicherten Aufzeichnungen und Transkripten relevant, die oft über viele Jahre aufbewahrt werden (10-jährige Compliance-Fenster). Die Transportverschlüsselung, während sie aktiv zwischen Endpunkten übertragen werden, ist im Vergleich dazu mit einem geringeren Risiko verbunden.

Die gute Nachricht lautet: Die Hersteller kommen schneller voran als erwartet. Zoom hat 2024 Post-Quantum-E2EE auf den Markt gebracht, und Microsoft und Cisco haben PQC-Roadmaps mit Pilotprojekten für 2026–2027.

Der eigentliche Treiber? DORA schreibt nun jährliche Quantenrisikobewertungen vor, und die EU-Frist 2030 für kritische Infrastrukturen ist verbindlich.

Frühe Anwender wie Pharmaunternehmen, die Verteidigungsindustrie und regulierte Finanzdienstleister werden 2026 mit PQC-Speicherverschlüsselung experimentieren.

Für die meisten Unternehmen sind jedoch Zero-Trust-Identität und Gerätekonfiguration nach wie vor dringlicher als Quantenverschlüsselung. Viele fragen sich, warum sie sich über eine Bedrohung sorgen sollten, die technisch noch gar nicht existiert.

Dennoch gilt: Unternehmen, die sensible Daten langfristig speichern, können ihre Verschlüsselungsstrategie mit Blick auf die EU-Frist 2030 nicht zu lange aufschieben. Auch das könnte Innovationen beschleunigen.

🎄 Grinch Watch: Die Quantenbedrohungen für den Datentransport werden für UC überbewertet, und Mainstream-UC wird für einige Jahre nicht betroffen sein. Aber zukünftige Quantenbedrohungen für gespeicherte Aufzeichnungen sind real und werden zu wenig diskutiert.

2. Immersive und atmosphärische Räume für die Zusammenarbeit

Augmented Realitiy (AR) und Virtual Reality (VR) werden möglicherweise nicht mehr nur für Schulungen genutzt werden. Für 2026 rechnen Analysten und Technologieanbieter mit ersten Pilotprojekten für immersive Kollaborationsräume. Dazu gehören virtuelle Arbeitsumgebungen, digitale Zwillinge physischer Standorte und ein stärkeres Präsenzgefühl für verteilte Teams durch Headsets.

Unsere Einschätzung: Diese Anwendungsfälle werden vor allem in bestimmten Branchen überzeugen, etwa in der Fertigung, im Energiesektor oder in der Verteidigungsindustrie. Für typische Büroarbeitsplätze werden sie dagegen kaum relevant werden.

Im UC-Kontext wird immersive Zusammenarbeit eine Nischenanwendung für Designprüfungen, Notfallräume oder digitale Zwillinge bleiben. Sie ersetzt keine alltäglichen Meetings.

Neben durchaus sinnvollen Tools zur Zusammenarbeit im Bereich virtuelles Gebäudemanagement sehen wir die ganze Bandbreite: von hochmodernen, aber extrem teuren VR- Lösungen bis hin zu spielerischen Avataren und Katzenfiltern.

🎄 Grinch Watch: Beeindruckende Demos, aber VR-Meetings sind noch immer nicht bereit für den Einsatz in Unternehmen.

Und wir haben noch nicht einmal ambitionierte Prognosen der nächsten Stufe angesprochen, wie zum Beispiel:

  • Virtuelle holografische Meetings werden die gängigen Unternehmensmeetings ersetzen.
  • E-Mails werden durch Echtzeit-Messaging und KI-Zusammenfassungen „ersetzt”.
  • Plattformübergreifende Avatare und digitale Identitäten werden zum Standard werden.
  • KI-gesteuerte Compliance-Engines werden jeden Anruf und jede Nachricht ständig überwachen.
  • Rechenzentren werden ins All verlegt.

Wenn Sie einen neutralen Austausch möchten, um mehr über die praktischen, ambitionierten und geradezu wilden Prognosen auf dem Markt zu diskutieren, lassen Sie uns sprechen.